Viktor Orbáns FIDESZ hat nach 16 Regierungsjahren zum ersten Mal eine Wahlniederlage eingefahren. Vor allem wirtschaftliche Probleme als Folge eines autoritären und interventionistischen Regierungsstils haben den Auslöser zum rasanten Aufstieg und Sieg einer oppositionellen Protestpartei gegeben.
Ökonomische Folgen autoritären Regierens am Beispiel Ungarn
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Viktor Orbáns FIDESZ hat nach 16 Regierungsjahren zum ersten Mal eine Wahlniederlage eingefahren. Vor allem wirtschaftliche Probleme als Folge eines autoritären und interventionistischen Regierungsstils haben den Auslöser zum rasanten Aufstieg und Sieg einer oppositionellen Protestpartei gegeben.
Dabei galt Ungarn innerhalb der EU lange Zeit als Sonderfall: wirtschaftlich global stark integriert, industriegetrieben und investorenfreundlich, zugleich politisch zunehmend zentralisiert, mit wachsenden Eingriffen in Märkte und Institutionen und einer immer stärker sichtbaren State Capture.
Dieser Report analysiert die Leistungsfähigkeit des ungarischen Wirtschaftsmodells seit der erneuten Regierungsübernahme durch FIDESZ im Jahr 2010 im Vergleich zu Polen, Tschechien, der Slowakei (Visegrádländer, V4) und Rumänien. Im Fokus stehen Wachstum und Innovationsfähigkeit, Industrie- und Investitionsstruktur, Fiskal- und Arbeitsmarktpolitik, sowie die Entwicklung des Preisniveaus.
Die Populismusforschung (Funke et al. 2023; Dornbusch/Edwards, 1991; Woo/Mora 2024) zeigt, dass ein populistisch-autoritärer Regierungsstil mit langfristig geringerem wirtschaftlichem Output, abnehmender (binnenwirtschaftlicher) Offenheit und erodierenden Institutionen korreliert. Die ungarische Entwicklung bestätigt in diesem Zuge die zentralen Mechanismen: kurzfristige Impulse werden gegen langfristige Investitions- und Innovationsschwächen ausgespielt.
Nach dem EU-Beitritt 2004 setzte Ungarn zu einer starken wirtschaftlichen Aufholphase an. Besonders zwischen 2013 und 2019 zeigte das Land solide Wachstumsraten, sinkende Arbeitslosigkeit und makroökonomische Stabilität, getragen von einer stark exportorientierten Industrie im Automotive- sowie Elektronikberiech, günstigen Lohnstückkosten und umfangreichen EU-Fördermitteln. Erst seit Mitte der 2010er Jahre verlangsamt sich der ökonomische Aufholprozess gegenüber Polen und Tschechien. Seitdem zeigen sich zunehmende Schwankungen: Das Wachstum wird volatiler, die Inflation verfestigt sich, die Fiskalpolitik reagiert stärker kurzfristig und prozyklischer. Die Industrie bleibt von wenigen Großprojekten abhängig, zuletzt verstärkt durch asiatische Investitionen in Batterien und E-Mobilität. Die lokale Wertschöpfungstiefe wächst jedoch langsamer als in Tschechien oder Polen. Geringe KMU-Integration, niedriger F&E-Anteil und die Verfügbarkeit hochqualifizierter Fachkräfte stellen im Jahr 2026 strukturelle Engpässe dar, während die Lohnstückkosten rasant ansteigen. Rumänien überholt Ungarn in mehreren Indikatoren, während die Slowakei trotz kleinerem Binnenmarkt höhere Produktivitätszuwächse erzielt. Ein Hinweis darauf, dass dirigistisch-autoritäre Steuerung in Verbindung mit State Capture in Wirtschaft und Politik kein nachhaltiges Wachstum garantiert.
Nach Jahren sinkender Arbeitslosigkeit und stabiler Beschäftigung verschärfen nun Arbeitsmarkt und Demografie den Druck: Alterung, Abwanderung und ein begrenzter Zuzug qualifizierter Migranten verknappen Personal. Produktivitätsfortschritte werden durch das begrenzte Mobilisierungspotenzial am Arbeitsmarkt sowie eine geringe inländische Wertschöpfungstiefe ausgebremst. Gleichzeitig steigen Finanzierungskosten und ca. 20 Milliarden Euro and EU-Fördergeldern sind blockiert. Auch Sonderabgaben erhöhen Planungsunsicherheit. Staatliche Eingriffe wirken in entscheidenden binnenorientierten Sektoren, etwa in der Bauindustrie und dem Einzelhandel preissteigernd: Selektive Regulierung und die Bevorzugung inländischer Anbieter schwächen den Wettbewerb und erhöhen die Kosten für Verbraucher, während exportorientierte Industrien ihre Wettbewerbsfähigkeit bislang weitgehend behaupten können. Politökonomisch ist das Konzept der Orbanomics (Scheiring, 2020) durch hohe Exekutivsteuerung, politischen Klientelismus und eine wachsende außenwirtschaftliche Anbindung an China geprägt. Dies schafft mittelfristig Investitionen, birgt allerdings im Zuge zunehmender geopolitischer wie -ökonomischer Spannungen Klumpenrisiken in Technologiepfaden. Die Etablierung und der Wahlsieg der oppositionellen TISZA-Bewegung deuten auf eine soziale Ermüdung hin: Brot-und-Butter-Themen wie Reallöhne, Zinsen und Inflationswahrnehmung gewinnen gegenüber identitätspolitischen Konflikten an Gewicht. Der politische Druck der ökonomisch Abgehängten, der für gewöhnlich liberale Regierungsparteien in westeuropäischen Demokratien belastet, könnte mit dem hiesigen Wahlergebnis in Ungarn zu einer Art erneutem populärem Rollback des populistischen Rollbacks führen (Diamond, 2008).
Ohne schnelle Kurskorrektur einer neuen ungarischen Regierung droht im regionalen wie europäischen Vergleich weiter ökonomischer Bodenverlust mit Folgen für Standortattraktivität, Produktivität, Preisstabilität und vor allem Zuversicht bei den Verbrauchern.
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