Der IHK Arbeitsmarktradar zeichnet ein detailliertes Bild des bayerischen Arbeitsmarktes für das Jahr 2029. Dafür werden die Trends der Jahre 2018 bis 2024 fortgeschrieben.
IHK Arbeitsmarktradar Bayern 2026: Berufe, Regionen und Branchen im Blick
Gutachten im Auftrag des Bayerischen Industrie- und Handelskammertag e. V. (BIHK)
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Der IHK Arbeitsmarktradar zeichnet ein detailliertes Bild des bayerischen Arbeitsmarktes für das Jahr 2029. Dafür werden die Trends der Jahre 2018 bis 2024 fortgeschrieben.
Die Ergebnisse sind nicht als Prognose, sondern eher als Szenario für das Jahr 2029 zu verstehen, das sich ergibt, wenn es so weitergeht wie bisher. Die Studie betrachtet den Arbeitsmarkt aus Arbeitgebersicht und fokussiert sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, lässt also unter anderem Beamte und Selbstständige außen vor.
Bayern leidet schon seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2010 unter einem ausgeprägten Arbeitskräftemangel. Dieser war stets stärker als im deutschen Durchschnitt. Wenn die bisherigen Trends sich weiter fortsetzen, könnte die Arbeitskräftelücke in Bayern von 2024 bis 2029 von 136.990 auf 217.176 steigen. Dann wären rechnerisch 56,0 Prozent aller offenen Stellen nicht zu besetzen, weil es keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt (Stellenüberhangsquote). 58,5 Prozent der Arbeitskräftelücke entfallen auf Fachkräfte, die typischerweise eine Berufsausbildung haben. Ohne den Arbeitskräftemangel könnte die Wertschöpfung im Jahr 2029 in Bayern 3,5 Prozent beziehungsweise 25,4 Milliarden Euro höher liegen (in Preisen von 2024).
Der Beschäftigungstrend hat sich leicht abgeflacht. Nach den neuen Ergebnissen wird die Marke von 6 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Bayern erst ein Jahr später erreicht (6.024.724 in 2029 statt 6.025.144 in 2028 laut letztjährigem Szenario). Dies geht auch darauf zurück, dass das Arbeitsangebot aus Beschäftigten und Arbeitslosen seine Qualifikationen nicht in dem Maße anpasst, wie es der wirtschaftliche Strukturwandel erfordert. Die beruflichen Passungsprobleme bleiben hoch.
Der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an den Beschäftigten wird von 2024 bis 2029 voraussichtlich von 23,0 auf 21,2 Prozent zurückgehen. Das ist relativ viel in dieser kurzen Zeit. In der Gummi- und Kunststoffindustrie hat sich der Beschäftigungsabbau deutlich beschleunigt. Auch in der Autoindustrie ist die Tendenz weiter ins Negative gekippt. Gleichzeitig gibt es in der Industrie große Arbeitskräftelücken, die die Unternehmen in der Transformation hemmen. Im Vergleich zu Deutschland geht es der Gastronomie in Bayern ausgesprochen schlecht, da die Wertschöpfung je Beschäftigten hier sehr niedrig liegt. Daher ist mit einer weiteren Konsolidierung und Personalabbau zu rechen.
Es gibt jedoch auch Lichtblicke. Der Beschäftigungsrückgang in der Zeitarbeitsbranche hat sich stark verlangsamt. Sie dürfte von der steigenden Arbeitslosigkeit profitieren und nimmt eine wichtige Rolle dabei ein, Menschen in Arbeit zu bringen und die Transformation zu unterstützen. In IT-Berufen findet weiterhin ein starker Beschäftigungsaufbau statt. Die Arbeitskräftelücke in diesem Bereich hat sich jedoch entspannt, was aus Arbeitgebersicht erfreulich ist und das Wachstum der IT-Branche erleichtern sollte.
Insgesamt sind die Ergebnisse der Fortschreibung im Vergleich zu denen der beiden Vorjahre recht stabil. Aus dem Vergleich der Ergebnisse lassen sich jedoch zwei relevante Trendänderungen ablesen:
- Erstens lag die Arbeitskräftelücke bei hochqualifizierten Experten in 2024 mehr als ein Viertel niedriger als erwartet. In der Folge schwächt sich auch die Fortschreibung deutlich ab. Es ist allerdings noch zu früh, um diese Entwicklung neuen KI-Technologien zuzuschreiben. Insgesamt hat sich jedoch die Fachkräftesituation bei Experten aus Unternehmenssicht deutlich entspannt, insbesondere in IT-Berufen.
- Zweitens ist nach der Volkszählung klar, dass es zum einen weniger Zuwanderung gab und dass zum anderen die Arbeitsmarktintegration von Ausländern besser gelaufen ist als ursprünglich angenommen. Langfristig ist die geringere Zuwanderung ein Problem für den Arbeitsmarkt. Auf dem bisherigen Niveau kann sie den Rückgang der deutschen Erwerbsbevölkerung nicht mehr ausgleichen. Als größter Hebel für Beschäftigungswachstum verbleibt somit eine längere Lebensarbeitszeit, also ein weiter steigendes tatsächliches Renteneintrittsalter. Diese Maßnahme wäre vor allem kurzfristig sehr wirksam (vergleiche letztjähriges Szenario).
Ein weiterer wesentlicher Hebel für eine Erhöhung des Arbeitsvolumens ist eine Erhöhung der Jahresarbeitszeit. Diese ist bei Männern stark gesunken (-8,0 Prozent seit 2000), während sie bei Frauen relativ stabil blieb (-1,5 Prozent). Weil die durchschnittliche Arbeitszeit sinkt, brauchen Unternehmen für das gleiche Arbeitsvolumen mehr Beschäftigte. Das erklärt einen großen Teil des Beschäftigungswachstums. Eine Trendwende hin zu längerer Arbeitszeit würde für den Arbeitsmarkt einen großen Effekt haben. Der größte Hebel bleibt hierfür ein weiterer Ausbau der Kinderbetreuung, trotz klammer Staatskassen.
In einem gesonderten Szenario wird der geplante personelle Aufwuchs der Bundeswehr simuliert. Dieser dürfte insgesamt nur geringe Auswirkungen auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit haben. Beide Größen liegen 2029 im Szenario um 0,2 Prozentpunkte niedriger. Der Neue Wehrdienst und die zusätzlichen Soldaten und Reservisten werden jedoch die Arbeitskräftelücke erhöhen (+5,1 Prozent). Die Veränderung der Stellenüberhangsquote, also der Anteil der rechnerisch nicht zu besetzenden Stellen, ist in diesem Szenario am größten in den Berufsgattungen „Öffentliche Verwaltung – Helfer“, „Technische Forschung, Entwicklung – Spezialist“ und „Technische Produktionsplanung, -steuerung – Fachkraft“ sowie in den Branchen „Pharmazeutische Erzeugnisse“, „Land- und Forstwirtschaft, Fischerei“ und „Chemische Erzeugnisse“. Das Fortschreibungsmodell kann jedoch nicht die staatlichen Mehrausgaben für Verteidigung antizipieren. In naher Zukunft dürfte sich in einigen Bereichen eine Erhöhung der Arbeitsnachfrage zeigen, die in den Ergebnissen noch nicht enthalten ist. Vermutlich wird dies vor allem den Fachkräftemangel in der Metall- und Elektroindustrie erhöhen.
In einem weiteren gesonderten Szenario werden die Effekte des neuen Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) analysiert, über das ebenfalls weitere zusätzliche Schulden aufgenommen werden, die nachfrageerhöhend wirken. Der Arbeitsmarkt in Infrastrukturberufen ist heute schon sehr angespannt. 2029 könnten 28.928 Arbeitskräfte fehlen und 67,9 Prozent aller offenen Stellen wären dann mit dem inländischen Arbeitsangebot nicht zu besetzen. Diese Zahlen zur Arbeitskräftelücke in Infrastrukturberufen basieren auf den bisherigen Trends, also ohne die Effekte des SVIK. Insbesondere im Tiefbau ist durch das SVIK jedoch von einem nennenswerten Mehrbedarf an Arbeitskräften auszugehen. In der Vergangenheit konnte in diesen Berufen ein Beschäftigungsaufbau aus dem EU-Ausland realisiert werden. Es sieht jedoch aktuell sehr danach aus, als würde diese Quelle versiegen – wenn nicht aktiv gegensteuert wird. Es fehlt insbesondere an Tiefbau-Fachkräften, Installateuren und Bau-Ingenieuren. Neben einer Anwerbeoffensive in EU-Drittstaaten braucht es daher eine radikale Vereinfachung bei Planung und Genehmigung.
Die mittelfristige Fortschreibung für das Jahr 2029 basiert im Wesentlichen auf Daten bis Jahresende 2024. Spätere Entwicklungen sind in den Werten für 2029 noch nicht enthalten. Kurzfristig gibt es konjunkturelle Schwankungen um die mittelfristigen Trends, die mithilfe der IHK-Konjunkturumfrage abgebildet werden. Dadurch wird für 2025 die zutreffende wirtschaftliche Schwäche vorausgesagt und für 2026 von einer deutlichen Belebung ausgegangen. Danach geht das Modell konstruktionsbedingt von einer raschen Rückkehr auf den strukturellen Wachstumspfad aus. Dieser setzt eine anhaltend hohe Zuwanderung in den Arbeitsmarkt voraus. Es sieht allerdings aktuell so aus, als würde diese deutlich zurückgehen. Das würde das Beschäftigten- und Wirtschaftswachstum stark bremsen und den Arbeitskräftemangel verstärken.
Die Studie „IHK Arbeitsmarktradar 2026“ enthält detaillierte Daten für einzelne Berufe, Berufsgruppen und Branchen in acht bayerischen Regionen.
IHK Arbeitsmarktradar Bayern 2026: Berufe, Regionen und Branchen im Blick
Gutachten im Auftrag des Bayerischen Industrie- und Handelskammertag e. V. (BIHK)
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
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